Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

 

Samarkand: Shah-I-Zinda – die Mausoleumssstadt…

Eine Mausoleumsstadt, die in der untergehenden Sonne glitzert. Elf Mausoleen aus dem 14. und 15. Jahrhundert sind hier aneinandergereiht. Eine solch heilige Stätte, dass drei Pilgerfahrten hierhin für einen Muslim genauso viel wert sind, wie eine Reise nach Mekka. Der Blick ist herrlich, die Ornamente im schillernden Samarkander Türkis machen schwindeln. Bald können wir den einen Emir, Astronomen, Regenten, seine erste, zweite, dritte und sonst welche Nebenfrau nicht mehr von der anderen unterscheiden. Nehmen nur noch Farben, Mosaiken und Licht auf – sind eingefangen von einem Zuviel an Zuviel..

Wir entlassen Dennis aus unseren Diensten – und hüpfen ins Taxi. Ein alter klappriger Schiguli. Auf dem Rücksitz eine rauchende(!) Usbekin. Als wir einsteigen, reicht sie ihre Zigarette schnell dem Fahrer. Eine für uns sehr vertrauliche Geste. Ich sitze neben ihr, sie lächelt mich mit goldblitzenden Zähnen an. Der Fahrer ist von überbordender Fröhlichkeit: „Oh, ihr seid aus Deutschland!“ Sein Sohn, der ginge in Moskau zur Schule, aber er wünschte sich, er könne in Deutschland weiterlernen – weil Deutschland habe ja so viel Kultur! Und während er sprudelnd erzählt und in halsbrecherischem Tempo durch die Stadt prescht, kramt er sein Handy hervor: „Hier, das ist mein Sohn!! Ein siebenjähriger Lausebengel grinst uns vom Display entgegen – mit seiner Mama, die aber ganz anders aussieht, als die Dame neben mir, die mich plötzlich sehr verlegen ankichert. Auch wenn Sascha, der beste Taxifahrer Samarkands, wie er sich bescheiden anpreist, uns gerne ganz wo anders hinfahren würde („da ist es viel besser!), liefert uns letztlich genau da ab, wo wir hinwollen – ins Restaurant „Karimbek“. Mit seiner Telefonnummer und einem „immer zu Euren Diensten“, lässt er uns aussteigen..

Wir landen in einer mit Teppichen und Sitzkissen ausgelegten Ecke im 1. Stock. Der Wein ist süffig, das Essen, lecker nur der Kellner ist betrübt, dass wir die Hälfte der monumentalen Fleischberge stehen gelassen haben. Ein vorzüglicher usbekischer Cognac als Abschluss – womit wir den Ratschlag unserer Taschkenter Gastgeber beherzigen: „Wichtig, egal, wo und was ihr esst – immer etwas Hochprozentiges hinterher! Zur Desinfektion!“

Der fatale Kuss

Ein weiterer orientalischer Traum aus Blau und Türkis ist die Bibi-Khanoum Moschee. Nach dem erfolgreichen Feldzug gegen Indien, gab der große Tamerlan eine Moschee für seine Lieblingsehefrau in Auftrag, die einzigartig sein sollte. Hunderte von Künstlern und Handwerkern aus allen Teilen der Welt mühten sich fünf Jahre lang, ein einmaliges Bauwerk zu schaffen. Vergeblich, Tamerlan missfiel der Bau – der Architekt wurde hingerichtet. So lautet die historische Überlieferung.

Die Legende hingegen erzählt anderes: Bibi Khanoum, Tamerlans Lieblingsfrau, wollte ihren Mann nach der Rückkehr aus Indien mit einer einzigartigen Moschee überraschen. Der Bau war bis auf einen letzten Torbogen bereits fertig. Der Baumeister aber, ein junger verschleppter Perser, war so betört von Bibi Khanoums Schönheit, dass er sich weigerte, die Arbeiten fortzusetzen, wenn er nicht einen Kuss von ihr bekäme. Entrüstet lehnte sie ab: „Nimm eines meiner Sklavenmädchen! Sieh dir diese Eier an, sie haben unterschiedliche Farben, aber aufgeschlagen, sind sie alle gleich – wie die Frauen!“ Er entgegnete: „Hier sind zwei Gläser, eins mit Wasser, eins mit Wein, sie sehen gleich aus, aber eines lässt mich kalt, das andere berauscht mich.“ Da Tamerlans Ankunft unmittelbar bevorstand, willigte sie ein – hielt aber in letzter Sekunde die Hand dazwischen. Doch das Feuer der Leidenschaft war so groß, dass der Kuss ein purpurnes Mal auf ihrer Wange brannte. Tamerlans Freude über das spektakuläre Geschenk aber schlug schnell in jähe Wut um, als er des Zeichens der Untreue angesichtig wurde. Umgehend zum Todessturz vom Minarett verurteilt, bat die unglückselige Prinzessin darum, all ihre Seidenkleider anziehen zu dürfen, was ihr gewährt wurde. So schwebte sie wohlbehalten gen Mekka. Tamerlan aber befahl, dass sich ab jetzt die Frauen seines Reiches zu verhüllen hätten, auf dass kein Mann mehr in Versuchung geführt werde, das Eigentum eines anderen zu begehren.

Der Basar

Im Schatten der Bibi-Khanoum Moschee breitet sich der Samarkander Bazar aus. Ein riesiges, nahezu unüberschaubares Areal aus Markthallen, offenen Ständen und Straßenverkäufern, ganz nach alter Tradition stringent nach Warengruppen aufgeteilt. Wir beginnen unseren Rundgang bei den orientalischen Spezereien. Berge von kandidiertem Zucker und Nüssen – gesalzen, gezuckert, in Honig gebrannt. Melonen-, Kürbis-, Sonnenblumen- und mit Salzpuder bestäubte geröstete Aprikosenkerne! Dann geht es weiter zum Obst. Granatäpfel in einem Spalier, die besten aufgebrochen und zur Verkostung aufgespießt. Polierte knackig rote Äpfel, Trauben, Trauben, Trauben, rote, grüne, kleine große. Pfirsiche, Aprikosen und natürlich Berge von Melonen…. Die Händler strahlen uns mit goldblitzenden Zähnen an, nicken uns aufmunternd zu und reichen ein Probierhäppchen nach dem anderen. Vom Obst zum Gemüse, von der Karotte über die Kartoffel zu den scharfen Chilischoten, dazwischen Türme von Dill, Petersilie, Koriander; Minze und und und… Dann breiten sich die Gewürzhändler aus. Auch da kommen wir nicht umhin, ganze Pfefferladungen in die Handfläche gestreut zu bekommen, müssen auf Sternanis und Kreuzkümmel herumkauen – und so manch anderem, das wir nicht zuordnen können.

Die Frauen sind hier fast alle traditionell gekleidet, in jene samtene Gewänder mit üppigen Blumenmustern, in denen Schwarz- und Rottöne vorherrschen. Klassisch ist das Kopftuch, klassisch sind auch die Filzpantoffel. Hin- und wieder trifft uns ein neugieriger Blick, viel häufiger aber werden wir interessiert nach einem „Woher?“ gefragt, um dann anerkennendes Lächeln zu erhalten: „Ah, Germania, gutes Land!“

Die nächste Pause gönnen wir uns draußen im Sonnenschein, auf, wir sitzen auf einem kleinen Treppenabsatz, vor uns türmen sich Kürbis- und Melonenberge. Ein blinder alter Mann schlägt das Tambourin und rezitiert Segenssprüche. Die Honig-Melonen haben Ausmaße bis zu einem halben Meter Länge, duften und schmecken so süß, wie wir es nicht kennen. Eine alte Usbekin kommt vorbei, lacht uns an. „Ach, was seid Ihr schöne Mädchen!“, sagt sie auf Russisch, „Ihr gefallt mir! Maladez! Sei das Glück mit Euch!“.

Gegenüber, vor der Kulisse der prächtigen Bibi Khanoum-Moschee, sitzt eine lange Reihe von Besenverkäufern. Die Besen werden von der erstaunlich zahlreichen Kundschaft genauester Kontrolle unterzogen – sie werden gespreizt, gezupft und geschüttelt. Und sie finden solch regen Absatz wie Regenschirme bei Hamburger Schietwetter. Daneben wird seltsames Trockengestrüpp angeboten. Auch das findet regen Zuspruch. Man steckt die Nasen hinein, man zerreibt es zwischen den Fingern. Was das denn sei, frage ich eine Händlerin. Medizin! Die Zweige werden angezündet, der Rauch inhaliert, das beste Mittel gegen Erkältungskrankheiten, denn es ziehe die Infektion aus dem Körper!

Ein kleiner Junge zieht uns Grimassen und kichert mit seiner Mama über uns, ein älterer Mann geht an uns vorbei, ein breites Lächeln auf dem Gesicht: „Ach, Ihr macht es richtig, erholt euch in der Sonne! Schönen Tag noch!“

Die Brotverkäufer stehen im Spalier, es duftet betörend nach frischem Backwerk. Es gibt zig verschiedene Sorten, wenngleich die Konsistenz des typisch usbekischen Kringelbrotes auch immer die gleiche ist. Aber es kann mit Sesam, mit Mohn und Sonstigem bestreut sein, diese oder jene Onamente tragen. In jedem Fall aber muss es appetitlich aussehen, und deswegen wird es auch mit Butter getränkten Lappen unerlässlich poliert.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 7 – Reisebericht

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Usbekistan in Zentralasien Teil 1 – Reisebericht

Bildnachweise:
Titelbild:
Samarkands größter Bazar hinter der Bibi Hanoum Moschee

Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

 

 

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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