Usbekistan – Im Land von 1001 Nacht

-Von Cornelia Strössner-

Samarkand, Buchara, Chiwa – die legendären Karawanenstädte der Seidenstraße. Namen, die nach einer vergangenen, verwunschenen Welt klingen. Nach Märchen, nach 1001 Nacht. Ich erfülle mir einen langgehegten Wunsch – ich reise nach Usbekistan!

Wildes Turkestan

Besiedelt von Turkvölkern und Nomadenstämmen, ständig umkämpft von Persien und China, erstreckte sich das einstige Turkestan vom Kaspischen Meer bis zur Wüste Gobi. Mitte des 19. Jahrhunderts verleibte sich das Russische Reich den Westen Turkestans ein, der Süden wurde an Persien abgetreten, der Osten gehörte bereits zu China. Ein halbes Jahrhundert später mühten sich die Sowjets, das stets renitente Russisch-Turkestan unter Kontrolle zu bringen. 1920 wurde mit dem Fall des alten Bucharas die „Sozialistische Volksrepublik Buchara“ ausgerufen, die dann in die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Turkestan einging. Brautpreis und Polygamie wurden unter Strafe gestellt, die Pilgerreise nach Mekka und der Koran verboten, Islamschulen zu Museen, Moscheen zweckentfremdet, Ländereien zwangskollektiviert, Nomaden zur Sesshaftigkeit gezwungen. Mehr als eine Million Menschen starben. Unter Stalin schließlich wurde das riesige Gebiet Russisch-Turkestan in die Sowjetrepubliken Kasachstan, Tadschikistan, Turkmenistan, Kirgisistan und Usbekistan aufgesplittet. 1991 erlangten alle Republiken Unabhängigkeit.

Das Staatsgebiet reicht über 1200 Kilometer von den Wüsten am Aralsee im Westen bis zum Ferghana-Tal im Osten. 80 Prozent des Landes sind Wüste und Steppe. Mehr als 75 Pozent der 30 Millionen Einwohner sind Usbeken, insgesamt leben mehr als 130 Nationalitäten auf usbekischem Staatsgebiet, mehrheitlich Russen, Tadschiken, Kasachen, Tataren, Ukrainer und Koreaner.

Orientierungslos in Taschkent

Mein erster Eindruck von Taschkent: totale Orientierungslosigkeit. Eine Zwei-Millionenstadt, wahnsinnig weitläufig, breite mehrspurige Straßen, alles sieht gleich aus, die Wege scheinen endlos. Noch selten habe ich eine Stadt erlebt, die mir so unübersichtlich schien und in der auch nach Tagen noch nicht einmal einen Ansatz von Orientierung erlangen sollte.

Mit amüsiertem Grinsen betrachtet man mein kleines Reiseportemonnaie am Wechselschalter. Als mir für meine 200 Euro vier dicke Packen Sum-Scheine gereicht werden, weiß ich auch warum. Ein Rucksack wäre angebrachter. Der Tausender ist der größte Geldschein – er entspricht 40 Cent!

Die Hälfte des Geldberges werde ich am Bahnhof gleich wieder los – für die Fahrkarten nach Samarkand undBuchara. Und schon haben wir ein Problem: Fahrkarten sind nämlich nur mit Pass zu erwerben, und dieser bitte schön im Original und nicht in Kopie! Die junge Dame am „Ausländerschalter“ schüttelt bedauernd den Kopf. Erst ein Kompliment für ihr (schauderhaftes) Englisch stimmt sie milder, das Umschwenken auf Russisch bricht schließlich das Eis. „Aber nur ausnahmsweise!“, sagt sie tadelnd und rückt die Tickets heraus.

Weiter geht die Stadtrundfahrt. Im Elektro-Souk reiht sich auf gut einen Kilometer modernste Technik aneinander – Flachbildschirme, Handy, Computer, Tablets. Ein paar Ecken weiter hängt die Pferdewurst am Straßenrand, türmen sich die usbekischen Kringelbrote, dampfen die Plow-Pfannen auf dem Gehweg, bieten die Autowäscher am Kanal ihre Dienste an. Hier ragen die verspiegelten Glas- und Stahlkonstruktionen der Banken empor, dort reihen sich mitgenommene, orientalisch ornamentierte Plattenbauten aneinander, hier locken riesige Parkanlagen, dort die gigantisch großen Markthallen der Bazare. Ob Straßen, Plätze, Parks, Bauten – alles ist so großzügig angelegt, als hätte man jeden Platz der Welt.

Auf den Straßen herrscht Anarchie…

Dennoch scheint mir, als bestünde ganz Taschkent vor allem aus weiten Straßenzügen. Eine wahre Invasion von koreanischen Kleinstwagen konkurriert mit Luxuskarossen jeglicher Couleur und protzigen Geländewagen – dazwischen zuckeln vereinzelt Eselskarren dahin.

Auf den Straßen herrscht die pure Anarchie, es gilt das Gesetz des Stärkeren und Frecheren, rote Ampeln sind zum Ignorieren da und als Fußgänger ist man permanenter Lebensgefahr ausgesetzt. Da Taschkent aber in dem Sinne kein Zentrum hat – sondern nur zentrale kilometerlange Straßenzüge – bleiben mir fußläufige Erfahrungen weitestgehend erspart.

Ein bunter Mix aus West und Ost, aus Traditionellem und Modernem bestimmt das Stadtbild, junge Mädchen stöckeln in knappen Minis, ausgeschnittenen Tops und High Heels über den Asphalt, das Handy am Ohr. Geschäftsleute im klassischen Business-Outfit, alte Männer mit traditioneller Kopfbedeckung. Usbekinnen in ihren samtigen langen Kleidern, Kopftüchern und Filzpantoffeln sind genauso vertreten wie nach westlicher Mode gekleidete. Was man kaum sieht, sind verschleierte Frauen. Auch sonst hat man kaum das Gefühl, in einem muslimischen Land zu sein.. Auf der sonnenbeschienenen Terrasse eines kleinen Cafés trinken wir einen vorzüglichen Capuccino. Neben uns kichern zwei Teenies, bauchfrei und gepierct.

…trotzdem friedlich und entspannt

Aus den Autoradios plärrt russische Musik, die meisten der Reklameschilder sind auf Kyrillisch. Russisch ist, neben dem Usbekischen, nach wie vor Amtsprache, und das soll auch so bleiben. Denn Usbekistan, die ehemalige Vorzeigerepublik des Sowjetreiches, ist, im Gegensatz zu so manch anderen GUS-Staaten dem einstigen großen Bruder Russland sehr zugetan. In den Schulen wird sowohl Russisch als auch Usbekisch unterrichtet. Da das Russische zu Sowjetzeiten alleinige Staatssprache gewesen war, gibt es bis heute viele, die des Usbekischen gar nicht mächtig sind. Für zusätzliche Verwirrung sorgt, dass das Usbekische früher kyrillisch geschrieben, nach der Unabhängigkeit aber auf lateinische Buchstaben umgestellt wurde. So geht es manchem vor allem ältern Usbeken wie den Aserbeidschanern, die plötzlich ihre eigene Sprache nicht mehr lesen können.

Abgesehen vom lärmenden Verkehrsgetöse wirkt alles sehr friedlich und entspannt. Und dieser Eindruck wird sich auf unseren Fahrten durch das Land erst recht bestätigen. Nicht ein Moment der Verunsicherung, nicht ein einziges Mal ein flaues Gefühl oder auch nur der Ansatz von Bedrohlichkeit in jedweder Hinsicht. Die Menschen sind nett und freundlich, durchaus kommunikativ – und vor allem sehr respektvoll. Auch hier, wie ich es schon in anderen muslimischen Ex-Sowjetrepubliken erlebt habe, hat das kommunistische Prinzip der Gleichheit und Gleichstellung seine, in dem Fall durchaus angenehmen, Spuren hinterlassen. Weder wird einer Frau hinterher gegafft, geschweige denn ihr in irgendeiner Form zu nahe getreten. Und da die Region seit jeher „multikulti“ ist, zieht man auch als Ausländer(in) kaum Aufmerksamkeit auf sich.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: Usbekistan in Zentralasien Teil 2 – Reisebericht

Bildnachweise:
Titelbild: Der große Registan in Samarkan/Usbekistan
Alle Fotos: Copyright ©Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Cornelia Strössner

Autorin bei allesanderswo.de
Das Reisen ist meine große Leidenschaft. Nach jahrelanger Auslandstätigkeit in Fernost, Kanada und Russland fröne ich meinem Hobby heute von der Berliner Basisstation aus. Mehrmals im Jahr zieht mich das „Heimweh nach der Ferne“ in die Ferne – vorzugsweise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bin ich gerade mal nicht unterwegs, arbeitet ich als Grafikerin, schreibe Kurzgeschichten und Reiseberichte, und auch schon mal ein Buch („Zwischen den Welten“, Literareon Verlag).
Cornelia Strössner

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