Vom Kalten zum Heißen Krieg?
Ein Kommentar von Johannes Spiegel-Schmidt, Berlin

Johannes Spiegel-SchmidtWas sich derzeit rund um das Scheichtum Katar abspielt, hat das Zeug dazu, die Region um den Persischen Golf endgültig aus dem Zustand des Kalten in den eines Heißen Krieges zu verwandeln.

Denn langsam geht es nicht mehr nur wie bisher um Stellvertreterkriege der rivalisierenden Hegemonialmächte Saudi-Arabien und Iran, vielmehr rückt ihre direkte militärische Konfrontation in unmittelbare Reichweite. Demgegenüber dürfte der seit fünf Jahren tobende Bürgerkrieg in Syrien, der stets mächtig von außen geschürt worden war, um den finalen ´regime change´ der Herrschaft Assads zu erzwingen, bald wie ein bescheidenes Vorspiel erscheinen.

Unschuldige oder gar Gute gibt es in dieser Region schon lange nicht mehr und die jetzige Krise mit der tödlichen Isolierung Katars durch seine feindlichen Nachbarstaaten hat sich seit Jahren angebahnt. Doch die plötzliche Eskalation dürfte unmittelbar etwas mit den breiten Kamelspuren zu tun haben, die die Karawane McTrumpel unübersehbar durch den saudischen Wüstensand gezogen hat.

Make war und America first!

Die jahrelang mühsam auf Ausgleich und Abrüstung bedachte Außenpolitik Obamas kulminierte in dem – für die arabischen und jüdischen Nachbarn explosiven – Atom-Stillhalteabkommen mit dem Iran. Just als dort ein gemäßigter Präsident demokratisch wieder gewählt wurde, der die Kontinuität dieser Deeskalationspolitik und die Aufhebung der drückenden internationalen Sanktionen des Westens gegen den Iran versprach, goss das transatlantische Trumpeltier mit der rund 110 Milliarden schweren Militärhilfe für das autokratische saudische Regime einen mächtigen Schuss Öl in das orientalische Feuer. An die Stelle strategischer Weitsicht trat das kurzfristige Erfolgsmotto für die gebeutelten amerikanischen Arbeiter der Rüstungsindustrie: Jobs, jobs, jobs!

Und diese Konjunkturspritze für den darbenden US-Arbeitsmarkt war verbunden mit einer strategischen 180-Gradwende der amerikanischen Nahostpolitik: fortan trat an die Stelle von Krisen-Schlichtungspolitik die einseitige Bündnisnahme Amerikas gegen das iranische „Reich des Bösen“, dem sowohl die ultraorthodoxen Saudis als auch die Atom-bewährten Israelis vorbehaltslos zustimmen konnten.

Gerade in dem Moment, wo die sich aufschaukelnde iranische Atom-Drohkulisse nach jahrelangen, zähen Verhandlungen abgeräumt schien, machen die Falken in Jerusalem wie in Riad dieser auf Stabilität und Interessenausgleich bedachten Friedenspolitik einen Strich durch die Rechnung, – und finden jetzt auch noch einen mächtigen Verbündeten in Washington.

Auch die Mullahs sind nicht ohne

Man sollte die iranischen Expansionsgelüste nicht verharmlosen, von denen sich sowohl Saudi-Arabien wie Israel unmittelbar bedroht fühlen. Irans Ambitionen auf eine regionale Hegemonie mit stark schiitischem Einschlag äußern sich inzwischen massiv im irakischen, syrischen und jemenitischen Bürgerkrieg über direkte Truppenhilfe und Waffenverkäufe und haben mit den kampfstarken Bodenverbänden der libanesischen Hizbollah und der allerdings sunnitisch-moslembrüderlichen Hamas des Gaza-Streifens unmittelbar vor den Toren Zions Aufstellung genommen.

Friedensschlichtung gilt als Hochverrat

Der Scheich von Katar hat in diesem brodelnden Pulverfass nun die unverzeihliche Absicht geäußert, – oder ist das, wie gerade aus dem katarischen Doha verlautet, auch nur eine von russischen Hackern lancierte Fake news, um das arabische Lager zu spalten? – sich im saudisch-iranischen Dauerkonflikt entgegen der aggressiven Haltung seiner arabischen Nachbarn vorsichtig als Vermittler und Schlichter anzubieten, was in Riad sofort als Aufkündigung der antischiitischen Abwehrfront und als Hochverrat der arabisch-sunnitischen Sache gebrandmarkt wurde.

Die fatale Lage Katars – komplizierter gehts nicht

Die Lage Katars ist in vieler Hinsicht fatal. Dieses Land, das gerade mal halb so groß ist wie Hessen, verfügt aufgrund seiner gewaltigen Erdgasvorkommen und seiner strategischen Aktien-Einkäufe bei weltweit agierenden, auch führenden deutschen ´global playern´ über das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Diesem Reichtum steht eine fatale Dependenz gegenüber: es ist zu 100 Prozent von saudischen Lebensmitteleinfuhren abhängig. Und zu allem Überfluss und um die Lage noch weiter zu verkomplizieren und brisanter zu machen, beherbergt Katar das Zentrale Kommando der amerikanischen Nahost-Armada mit über 10.000 stationierten GI´s, die bei entsprechendem Wink aus Washington jederzeit ein Machtwort sprechen könnten.

Was sind Verträge heute noch wert?

Nachdem vor wenigenTagen in einer Hauruck-Aktion nach der Schließung der Landgrenzen und der Ausweisung sämtlicher katarischer Botschaftsangehöriger auch sein gesamter Luftraum gesperrt wurde, ist der Flugverkehr der mächtigen Katar Airlines nur noch durch eine brisante Kreuzung des Luftraums über dem Emirat Bahrein möglich, das diesen Durchflug vor Jahren vertraglich genehmigte. Doch was sind unter der Fuchtel der saudischen Scharfmacher heute Gesetze und Verträge noch wert?

Widernatürliche Allianzen und folgerichtige Dependenzen

Dieser Isolierungspolitik Riads schlossen aus durchaus unterschiedlichen Gründen sogleich die Vereinigten Golfemirate, Bahrein, die nur noch im Exil regierende Regierung des Jemen und die Militärdiktatur Ägyptens an. Welch demokratische Phalanx, noch angereichert durch das schwer berechenbare amerikanische Trumpeltier, das fernab der blutigen Schlachtfelder auf das saubere „America first!“ setzt und sich die Hände in Unschuld wäscht.

Als einsamer Verbündeter verbleibt den Kataris neben dem bisher wenigstens neutralen Iran das ideologisch nahestehende Regime Erdogans, der mit dem Emir von Katar die Schwäche für die Moslembrüdern teilt, die Präsident al-Sisi vor Jahren gerade so erfolgreich von der demokratisch legitimierten Bühne gejagt hat. Da Ägypten nach dem Ausfall des Tourismus finanziell total am Tropf von den Saudis hängt, ist sein Beitritt zur Anti-Katar-Allianz nicht erstaunlich und noch weniger überraschend.

Die Eskalationsspirale steigt und steigt

Gerade berichten die Nachrichtenagenturen von einem bewaffneten Angriff auf das iranische Parlament, der zwei Todesopfer forderte. Das Gebäude wird derzeit noch nach Sprengstoff abgesucht. Die vier Attentäter wurden erschossen. In einer bislang unbestätigten Meldung hat der IS für diese Kommandoaktion die Verantwortung übernommen.

Weit gravierender und symbolträchtiger ist die zeitgleiche militante Attacke auf das benachbarte Mausoleum des großen und bis heute allseits verehrten Führers der Islamischen Revolution von 1979 Ruhollah Khomeiny. Das trifft direkt ins Herz des iranischen Selbstverständnisses. Man mag darüber spekulieren, ob sie ein Racheakt gegen die massiv mit iranischen Pasdaran vorangetriebene Offensive gegen das irakische Mossul ist, in dem 2014 das IS-Kalifat ausgerufen wurde und die kurz vor der endgültigen Kapitulation steht.

Wer diese mit hohem Blutzoll errungenen Siege auf den Schlachtfeldern Syriens und des Irak vorschnell zum Ende des IS erklärt, sollte sich nicht wundern, wenn unter den 100.000en von Flüchtlingen aus dieser selbsternannten Kalifatsstadt klammheimlich auch 1000e von gutausgebildeten Terroristen sind, die zeitnah die europäischen und orientalischen Metropolen fluten werden. Denn einen nur militärischen Sieg gibt es nicht.

Sollte sich allerdings gar herausstellen, dass hinter den Attentätern in Teheran eine undercover-Aktion der Saudis oder des CIA steht, dann Gnade uns Gott – und Allah gleich mit ihm!

Ein Federstrich genügt, und …

Ein Federstrich genügt heute und die faktische Aushungerungs-Blockade Katars steht auf der unmittelbaren Tagesordnung der Saudis, um den unbequem selbständig denkenden wie agierenden Nachbarn in die Knie zu zwingen. Schwer denkbar, dass dieser Agonie das nur 50 Seemeilen von Katar entfernte Mullahregime von Teheran diesem sich gefährlich vor seiner Haustüre zuspitzenden Konflikt untätig zusehen könnte und dem katarischen Abweichler aus der Sunnitenfront nicht mit diskreter, doch sicher tatkräftiger Hilfe zur Seite eilen würde. Und dann?

Statt nächtlichem Twitterwahn ist jetzt salomonische Weisheit gefragt

Die FIFA sorgt sich unterdessen um die wahrscheinlich fadenscheinig gekaufte Fussball-WM von 2022, doch dieses Datum ist noch fern. Denn zunächst hast Du, McTrumpel, das Wort.

Als beratende hilfreiche Kurzlektüre sei Dir „Der kaukasische Kreidekreis“ von Bertolt Brecht empfohlen, denn jetzt in dieser tödlichen Entscheidungssituation, in der jeder falsche Schachzug der Letzte sein kann, sind nicht mehr provokative Twitter-Fürze gefragt, sondern salomonische Weisheit. Die Welt hält derzeit den Atem an. Ich höre…

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt