„Wenn Du jemanden besiegen willst, musst Du Ihn zunächst stark machen.“

Ein Kommentar von Johannes Spiegel-Schmidt, Berlin

Johannes Spiegel-Schmidt

Die Wahlprognostik im Vorfeld der deutschen Bundestagswahl treibt fröhliche Urständ. Und man fragt sich langsam, welchen Anteil Presse, TV und Umfrageinstitute selber an der Achterbahnfahrt der in den letzten Monaten ungeheuerlich schwankenden Vorhersagen zum Wahlausgang haben.

Es gibt ein weises Sprichwort aus dem jahrtausendealten, chinesischen Tao te King: „Wenn Du jemanden besiegen willst, musst Du ihn zunächst stark machen.“

Totgesagte leben länger

Diese simpel scheinende Spruchweisheit hat immer wieder ihre Geltung in der internationalen Politik wie in den innenpolitischen Auseinandersetzungen bewiesen. Eine Umkehrung davon zentriert sich in dem Satz: „Totgesagte leben länger.“

Für den ersten Fall mag unter vielem anderen der seit langem gelynchte Sadam Hussein gelten, der im acht-jährigen mörderischen Ringen mit der Islamischen Republik Khomeinys vom Westen zu einem militärischen Monster aufgeblasen wurde, nicht zuletzt mit der einschlägigen Erfahrung aus deutschen Gaskammern, bis er in die hybride Falle Kuweits tappte und damit seinen schrittweisen Untergang besiegelte.

Wiederholt totgesagt wurde hingegen die syrische Herrschaft Assads, dessen regime change 2012 vom Westen fest eingeplant und massiv betrieben wurde. Doch nach der bombigen russisch-iranischen Frischzellenkur mit Flankenschutz der Hisbollah am Boden und der faktischen Auflösung der demokratischen Opposition scheint Assad derzeit ohne Alternative, es sei denn, man vertraut für seinen Sturz auf das weit größere Übel des IS, wozu sich zeitweise Erdogan und die Golfemirate hinreißen ließen.

Schulz-Hype: 0:3

Doch kehren wir zurück auf das Feld der aktuellen deutschen Innenpolitik. Das auffälligste Phänomen der letzten Monate war der Aufsehen erregende Schulz-Hype, der nach langen Jahren erstmals wieder eine Regierungsalternative auf die Tagesordnung setzte, aber nach dem verhängnisvollen 3:0 inzwischen einem verzweifelten kleinlauten Katzenjammer gewichen ist. In der ersten Phase wurde Schulz auf mindestens die gleiche Ebene wie Merkel hochgejubelt und mit schier unerfüllbaren Erwartungen überschüttet. Dann wurde ihm, sehr zu Unrecht, das 3:0 persönlich in die Schuhe geschoben und daraus die neuen mäßigen Erwartungen der SPD für die Wahl am 24. September 2017 formuliert bzw. prognostiziert.

Das Gute für Schulz: Er hat den übersteigerten Hype mit notwendig folgendem Absturz wenigstens schon hinter sich. Von nun an kann es nur noch besser werden und er kann sich durch gezielte Kleinarbeit und begrenzt visionären Größenwahn langsam und auf realistischer Basis Punkt für Punkt nach oben schaukeln. Was der Schulz-Hype auf jeden Fall deutlich machte, war ein breit angelegtes Unbehagen am alternativlosen „Weiter so“ Angela Merkels und eine vage Hoffnung auf einen Lichtstrahl am Horizont nach 12 Jahren visionsfreiem Tunnelblick auf Sichtweite.

Wahlen gewinnt man nicht mit dem besseren Programm, sondern der gefühlten Hoffnung auf Besserung

Schulz sollte jetzt nur nicht meinen, dass mit einem nun allseits geforderten, klareren Programm die Wahl zu gewinnen ist. Wer außer den sozialdemokratischen Ortsvereinen liest für seine Wahlentscheidung schon Parteiprogramme? Mit welch simpler Symbolpolitik Wahlen gewonnen werden, macht ihm die weitgehend programmfreie Union seit 12 Jahren vor. Soziale Gerechtigkeit und innere Sicherheit als voraussichtliche Schwerpunktthemen – gähn! Da müsste schon noch sehr viel Originelles und Neues dazu formuliert werden, um noch irgendwelche unentschlossenen Wechselwähler vom Sitz zu reißen.

Unterdessen fangen nach Saarland und NRW erneut unterschwellige Ängste und Ausgrenzungmanien nach dem klassischen Sündenbock-Schema an zu grassieren, die eher an die Rote-Socken-Kampagne von 1994 erinnern. Und es sollte die SPD alarmieren, dass in NRW 100.000 ihrer Stammwähler aus den Problemvierteln mit fliegenden Protestfahnen zur AfD überliefen, während die erhöhte Wahlbeteiligung sich primär aus den oberen Einkommensklassen rekrutierte und bei der CDU und FDP zu Buche schlug.

Es wäre langsam höchste Zeit, eine neue Gramci-Strategie – kennt diesen italienischen Linkstheoretiker noch wer? – eines breiten Bündnisses der Volksklassen zu entwerfen, die sowohl quantitativ wie argumentativ das selbstzufriedene Establishment der 10 Prozent in die Schranken weisen könnten.

Was Schulz allerdings von Merkel unterscheidet, ist seine Begeisterungsfähigkeit, seine rheinische Fröhlichkeit und eine hoffentlich bald klarer umrissene Vision für Europa und die Zukunft, die sich in Deutschland – und auch seiner nicht ´hart arbeitenden Bevölkerung´ – verkaufen lässt.

Ist da noch wer? – außer C.L.

Als neuer leuchtender Stern am Himmel ist seit der NRW-Wahl Christian Lindner aufgegangen. Dummerweise ist er gezwungen, in Düsseldorf mit einer zweitrangigen Riege und einem zu diesem Zeitpunkt ungewünschten Partner eine Zwangsehe einzugehen und auf die Schnelle Lorbeeren zu ernten, ohne dabei das schwammig-lässige Profil der Ein-Mann-Partei zu verlieren. Das legt seiner proklamierten und ach so bequemen Bündnisfreiheit für die nächsten Monate ungewollt enge Fesseln an. Auf diesen Spagat darf man gespannt sein.

Der Absturz auf den Boden der +/- Fünf-Prozent-Tatsachen dürfte je nach opportunistischer Spagatfähigkeit des maximo lider nur noch eine Frage von Wochen sein. Vielleicht gibt es für C.L. einen gutaussehenden Extra-Vermarktungs-Bonus von zwei Prozent, was allerdings weit unter den von dieser Partei generell befürworteten Boni-Punkten liegt – ich erinnere nur an eine gewisse Sohle eines inzwischen selig Entschlafenen.

Frischer grüner Wind aus dem nördlichen Abseits

Weit interessanter als NRW gestaltet sich hingegen das sich anbahnende Jamaika in Schleswig-Holstein, das in Berlin weder auf der schwarzen noch der gelben Liste stand, sämtliche Berliner Parteistrategen in Verlegenheit bringt und in erster Linie dem überzeugenden Grünen Habeck zu verdanken ist.

Wenn die Grünen überhaupt noch eine Chance haben wollen, die fünf Prozent zu überschreiten, sollten sie schleunigst entgegen dem ihrer Basis heiligen Mitgliedervotum das farblose Duo aus „gschaftlhubrigen“ Kopfwackler und einschläfernder Betschwester auswechseln, dessen einzige Kontur in der Anbiederung als Juniorpartner an die Union besteht. Weit erfrischender und attraktiver für die Neueröffnung einer total vermurksten Wahlkampagne wirken hingegen der prinzipienfeste, aber politisch undogmatische Habeck und die spritzig-freche Europa-Grüne Ska Keller als Spitzenkandidaten. Originelle unverschlissene Gesichter, die zudem noch was Substanzielles und Zukunftsträchtiges in der Birne haben, braucht und will das Land!

Die Union kann nur noch abstürzen

Unterdessen strebt Angela Merkel dank des Burgfriedens mit Horst SeehoferHat der sich still in Neuschwanstein eingemietet oder in den Kreidefelsen von Dover festgefressen? – und schöner Fotos auf die internationale Bühne: zu denen sich im Juni noch weitere gesellen werden. Es sind 40 Prozent anvisiert. Das könnte die Union bis September wie bereits 2013 durchaus in die Reichweite einer absoluten Mehrheit katapultieren – wäre da nicht das leidige Restproblem der AfD, die an ihrem rechten Rand knabbert und seit Jahren die jahrzehntelang eingespielte Wahlarithmetik durcheinander bringt und – wie vorher jahrelang die Linke – durch die reflexartige Auschließeritis altgewohnte Mehrheiten jenseits der Großen Koalition verunmöglicht. Im übrigen scheint eine Einparteienherrschaft in einem Sechs-Parteien-Parlament, falls es denn allem Anschein nach dazu kommen sollte, zunehmend unmöglich.

Doch wer sich wie die Union dank der jüngsten Umfragen erst einmal längere Zeit in diesen schwindelnden Höhen aufhalten muss, dem bleibt es nicht erspart, gleichzeitig ständig in den immer tiefer werdenden Abgrund zu blicken, dem unsere Kanzlerin im letzten Jahr bis in den Februar 2017 schon einmal bedenklich nahe kam. Die vorübergehende Merkel-Müdigkeit von damals scheint gewichen – sowohl von ihr wie vom wechselwilligen Publikum.

Doch was hat sich eigentlich substanziell verändert? Künftig kann jede unbedachte Geste oder Äußerung von ihr oder ihres unmittelbaren ministeriellen Anhangs, einschließlich der desaströsen Dauerschlappen im Innen- und Verteidigungsressort, wertvolle Prozente kosten und analog St. Martin einen unumkehrbaren Sog nach unten auslösen. Geht die Kurve erst einmal abwärts, ist nach Überschreiten des Hypes jegliche Bruchlandung im Bereich des Möglichen.

Deshalb täte die SPD gut daran, die Union erst einmal in ungeahnte Höhen hinaufzujazzen und mit schier unerfüllbaren Erwartungen zu überschütten. Den Rest an folgender Ernüchterung erledigen die Umfrageinstitute, es bleiben immerhin noch vier lange Monate Zeit. Wem das kurz vorkommt, der denke an die Situation im Februar 2017 zurück.

Hüte Dich vor der Hybris!, Angie

Angela Merkel kann man angesichts dieses Spektrums nur mit der warnenden Weisheit des delphischen Orakels zurufen: „Hüte Dich vor der Hybris!“ – so sein oder werden zu wollen wie die göttergleichen Langzeit-Throninhaber im Unions-Olymp Adenauer und Kohl. Deren Ende mit unrühmlichem Abgang kennt man.

Ein alternativloses, maternalistisches „Sie kennen mich“ verbunden mit Dauer-Raute und Deutschland-Kette wird dieses Mal nicht reichen. Nach Brexit, Trump und Macron leben wir im Jahr des wie auch immer gearteten, überraschenden Wandels. Der souveräne WählerIn hat das Wort!

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Redaktion allesanderswo.de

Johannes Spiegel-Schmidt war 54 Tage auf den spanischen Jakobswegen unterwegs.
Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“:

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Porträtfoto Home/Beitrag: Copyright ©Peter Förtner

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt