Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Eine denkwürdige Morgenmeditation, meine Via Dolorosa, das Enfant terrible Carlos
und eine schlaflose Nacht mit peitschendem Monatsniederschlag…

22. Juli
Fonsagrada/ Padrón – O Cádavo Baleira (27 Kilometer)

Der Morgen war äußerst frisch, doch die Herberge hatte eine große Küche, wo ich mir in Ruhe meinen Morgenkaffee brühen und mein Müsli zubereiten konnte. Als die Hektik des Aufbruchs abgeflaut war, war es Zeit für eine ausgiebige Morgenmeditation, für die ich mir heute einen langen Text von Roland Jourdan „Leben auf dem Standstreifen“ herausgesucht hatte:

Pilgern ist Leben auf dem Standstreifen, nicht auf der Überholspur

Er plädiert dafür, das Vertraute zu verlassen, Planungsmanie und Versicherungsmentalität daheim zu vergessen, eine Auszeit zu nehmen. Auf dem Pilgerpfad treibt einen kein Terminkalender, schrillt kein Telefon. Was die einen als Schinderei empfinden, erscheint anderen als Möglichkeit, in sich reinzuhorchen, die landschaftliche Schönheit am Weg in sich einzusaugen, ein Kirchenportal zu entziffern, in fremde Gesichter zu schauen. Pilgern ist Leben auf dem Standstreifen, nicht auf der Überholspur.

Das waren so viele grundsätzliche Gedanken, die erst einmal gründlich verarbeitet werden wollten und mich die nächsten Stunden meines Weges beschäftigten. Hier war viel von meiner ganz persönlichen Pilgerphilosophie und meinen bisherigen Erfahrungen auf dem Weg aufgehoben. Ich hätte es nicht besser formulieren können.

Ermita am WegesrandWichtig war es, ständig geistesgegenwärtig zu bleiben, völlig im jeweiligen Augenblick zu leben

Viel Wissenswertes und viel Ballast über die Geschichte trug ich auch mit mir herum. Doch war das wirklich von Belang, wenn es galt, Schritt um Schritt voreinander zu setzen, immer wieder den inneren Schweinehund zu überwinden und dem Ziel unmerklich näher zu kommen?

Wichtig war es, ständig geistesgegenwärtig zu bleiben, völlig im jeweiligen Augenblick zu leben. Es galt, die stetig wechselnden Landschaften in sich aufzusaugen, sich an den sprießenden Blumenmeeren und schwirrenden Vogelscharen zu erfreuen und die sich unterwegs bietenden Freundschaften ebenso anzunehmen wie all die Unbill und Krankheit, die der Weg mit sich brachte.

Die bei uns daheim viel propagierte Entschleunigung unseres hektischen Lebensrhythmus und der rasanten Fortbewegung fand im Pilgern zu Fuß ihre natürliche und adäquate Entsprechung. Hier war genügend Zeit für jederlei Art von Erfahrungen, die manchmal auch das Stehenbleiben, Einhalten, schweigende Aufnehmen und Zurückerinnern einschlossen. Was für eine Überlegenheit über die vorbeibrausenden Autos oder auch die erheblich schnelleren Fahrräder, die zwar rascher am Ziel sind, doch denen dabei das Wesentliche entgeht: das Unterwegssein!

Die Aus-Weg-Losigkeit unserer heutigen, inhaltsleeren Zielstrebigkeit kommt mir vor wie einer, der durch einen glücklichen Zufall von heute auf morgen zum Millionär wurde und sich die mühsame Arbeit ersparen konnte, dieses Vermögen Taler um Taler zusammenzusparen. Er wird ziemlich garantiert im Unglück landen, weil er dieses Geld nicht zu schätzen weiß, im Nu wieder rausschmeißt, weil er nicht damit umgehen kann, quasi ein Bonus, den er sich nicht verdient hat.

Warum hingegen können in vielen Teilen der Welt selbst bettelarme Menschen, die über einen inneren Reichtum verfügen und Menschenwürde nicht am Einkommen festmachen, glücklich strahlen? Fragen über Fragen, die mir die ersten Kilometer leicht machten, die wie im Flug vergingen und auf denen ich wacker vorankam. Über einen Forstweg erreichte ich den Weiler Villardongo und abwechselnd über Landstraße und Sandpiste die Orte Piedrafitela und Moutouto. Dann entfernte sich der Pilgerweg weit von der Straße, führte hinauf auf eine Bergkuppe, wo früher ein Pilgerhospital stand, und ging dann in einem längeren Abstieg hinunter nach Paradavella.

Das Wetter zeigte sich inzwischen von seiner unfreundlichsten Seite. Kalte Windböen fegten über die Hügel und der Regen prasselte nur so vom Himmel, bis alles völlig durchnässt war. Dafür waren die Wirtsleute in der Casa Villar umso freundlicher und hatten ihre Stube gut geheizt.

Hier konnte man sich bei einem Grog aufwärmen, ein saftiges Schinkenbrötchen verspeisen und den Anorak etwas abtropfen lassen, denn von Trocknen konnte nicht die Rede sein. Meine gute, wasserdichte Regenhaut hatte ich schlauerweise nach den Pyrenäen in die Heimat zurückgeschickt in der mehr wunsch- als wirklichkeitsgetreuen Annahme, Spanien bestünde nur aus dem trockenheißen, sonnigen Kastilien. Eigentlich hätte ich es von meinen zahlreichen vorherigen Reisen in den Nordwesten Spaniens besser wissen müssen. Den Preis für diese vorschnelle Entscheidung musste ich jetzt entrichten. Mea culpa.

Zu meiner Freude tauchte plötzlich Carlos auf, den ich schon beim Abendessen in Grandas de Salime kennengelernt hatte. Doch er marschierte bald weiter. Wir wollten uns am Abend am Ende der Tagesetappe wiedertreffen.

Saumäßiges Wetter und elender Schmerz in der Leiste

Und dann passierte erneut, was ich in der letzten Woche schon so oft erlebt hatte: Die längeren Sitzpausen bekamen mir überhaupt nicht. Sie waren zu kurz und der Sitz auf den Tresenhockern zu unbequem, um die Schmerzen in der Leiste abflauen zu lassen. Doch sie waren lang genug, um die beim Wandern angewärmten Glieder auskühlen und versteifen zu lassen.

Kurz, ich hatte auf dem ersten Kilometer des Weiterwegs alle Mühe, das wunde Bein überhaupt zu belasten und nicht bei jedem Schritt schmerzvoll einzuknicken. Ich verkürzte in der Folge die Schritte auf ein Minimum und brachte so mit äußerster Konzentration halbwegs einen gleichmäßig aufrechten Gang zustande.

Doch das war in dem Maße schwieriger durchzuhalten, als das Terrain zunehmend ungangbarer wurde: Der Pfad war derart von Gestrüpp und Unkraut überwachsen, dass er zeitweise unkenntlich wurde. Inzwischen zwangen einen meterlange, verschlammte Wasserlacken zu akrobatischen Hangelpartien entlang der flankierenden Büsche, wenn man nicht bis über die Knöchel im aufgeweichten Lehmboden versinken wollte.Kapelle am Wegesrand in Galicien

Immer wieder blieben schwere Erdklumpen an den Sohlen haften, bis es von Degollada nochmals steil hinauf nach A Lastra ging. Da die Regenschauer unverändert anhielten, war in der hiesigen Bar eine neue Rast angesagt.

Weitgehend über Asphalt stieg die Strecke bis zum 950 Meter hohen Alto de Fontaneira, dessen Kneipe ich dieses Mal in weiser Voraussicht links liegen ließ. War man mal bis auf die Haut durchnässt, konnte einem das Wetter nur noch wenig anhaben. Wichtig war, in Bewegung zu bleiben. So konnte ich auch meinen Hang zum Selbstmitleid etwas vergessen. Ihm nachzugeben, hätte eh nichts genutzt. Hier verkehrte kein Bus, ich musste das nächste Albergue auf jeden Fall zu Fuß erreichen. Das eisige, feuchtkalte Klima dürfte meinem lädierten Bein noch wesentlich mehr zugesetzt haben, als es diese Tagesetappe von fast 30 Kilometer schon im normalen Zustand getan hätte.

Die Spanier kochten generell immer in derartigen Mengen, als wäre es für sie selbstverständlich, zum Essen Gäste einzuladen

Von dieser Anhöhe fielen die letzten sieben Kilometer bis O Cadavo Baleira stetig ab, das auf 780 Meter Höhe lag und die Pilgerherberge gleich am Ortseingang hatte. Ich war heilfroh, als ich hier tropfnass eintraf. Zu meiner großen Enttäuschung war sie bereits bis auf das letzte Bett belegt und ich musste auf dem Gang mit meiner Isomatte vorliebnehmen.

Es war ein langgestreckter Glasbalkon, den die Pilger mit provisorisch gespannten Leinen als Trockenboden benützten, ein Zweck, der an diesem Regentag besonders gefragt war. Doch hier trocknete nichts mehr, denn die Luft war von der nassen Wäsche und den durchweichten Stiefeln derart feuchtigkeitsgeschwängert, dass die Fenster vom Wasserdunst dicht beschlagen waren und sich am Boden erkeckliche Wasserlacken bildeten.

Doch mich kümmerte das alles wenig. Ich war ausgelaugt und fast apathisch, dazu freilich heilfroh, nach dieser persönlichen Via Dolorosa endlich ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Eine freundliche Pilgergruppe von den Kanarischen Inseln lud mich zu einer üppigen, warmen Mahlzeit ein, die Maria mit aller Finesse zubereitet hatte.

Die Spanier kochten generell immer in derartigen Mengen, als wäre es für sie selbstverständlich, zum Essen Gäste einzuladen. Gastfreundschaft und Großzügigkeit gehören hier zum Nationalcharakter. Anschließend bettete ich mich in meinem warmen Schlafsack zu einer ausgiebigen Siesta, um mein fröstelndes, verbogenes Gestell wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen.

Auf der Suche nach Carlos in vornehmen Etablissements

Gegen 20 Uhr machte ich mich auf die Suche nach Carlos. Da es am Ort nur ein gutes Hotel gab, war sein Aufenthaltsort nicht schwer auszumachen. Er war als einziger Gast im riesigen Speisesaal gerade beim Abendessen und ließ mir gleich ein zweites Gedeck auftragen.

Ich durfte mich mit Kaninchen in Knoblauchsauce verwöhnen. Dazu tranken wir literweise den süffigen, leicht säuerlichen Ribeiro-Wein, der dem portugiesischen Vinho verde ähnlich ist, und anschließend an der Bar einen Carajillo, halb Mokka halb Brandy. Besser kann man den in seiner Qualität für mich einzigartigen Café sólo Spaniens nicht veredeln! Da war ich mit Carlos vollkommen einer Meinung.

Mit dem Alkohol wurde seine Zunge immer lockerer, doch er war einiges gewöhnt und konnte durchaus einiges vertragen. Carlos erzählte mir eine amüsante Anekdote vom heutigen Tag. In einem Dorf hatte sich ein kräftiges Exemplar von Schäferhund bedrohlich knurrend vor ihm aufgebaut und ihm den Durchgang versperrt. Er litt seit seiner Kindheit an einer akuten Hundephobie und diese Viecher erfassten den Angstschweiß mit ihrer feinen Spürnase sofort. So hatte er mit eingezogenen Arschbacken zunächst ängstlich den Rückzug angetreten, doch wenn er weiter wollte, musste er irgendwie an diesem tierischen Hindernis vorbeikommen. Zu seinem Glück kamen in diesem Moment einige junge Spanier des Weges, die einen anderen Umgang mit Tieren gewohnt waren. Sie nahmen Carlos unter ihre Fittiche und marschierten forsch an dem „Ungeheuer“ vorbei, das winselnd den Schwanz einzog und sich aus dem Staub machte. Alleine hätte er diesen Mut wohl nicht aufgebracht.

Der bourgeoise Aussteiger Carlos: Das kann doch nicht alles gewesen sein!

Carlos war seit Oviedo allein auf dem Ursprünglichen Weg unterwegs. Er mied die oft leicht versifften Unterkünfte, logierte gern in besseren Hotels und war einem Sternemenü mit einheimischen Spezialitäten nicht abgeneigt, dass er gern mit einigen Schoppen Wein begleitete. Als Pilger erinnerte er mich etwas an Hape Kerkeling, der auch vom Pilgeralltag in den Herbergen so gut wie nichts mitbekommen hatte. Der Weg von der Düsseldorfer Kö bis auf den Camino dürfte ebenso weit sein wie der vom Eixample, dem Großbürgerviertel Barcelonas, aus dem Carlos stammte.

Carlos war 30 Jahre als erfolgreicher, freier Unternehmer tätig gewesen, doch er hatte vor vier Jahren von einem Tag auf den anderen die Segel gestrichen in der vagen Annahme: „Das kann doch noch nicht alles gewesen sein!“ Er übergab den Betrieb seiner Frau, verkaufte all seine Aktien und zog sich ins Privatleben zurück, mit dem er jedoch nicht allzu viel anzufangen wusste.

Bevor er ganz versackte, raffte er sich noch einmal auf und sinnierte, was er noch Sinnvolles aus seinem Leben machen könnte

Geld war in Hülle und Fülle vorhanden, er begann Spielbanken zu besuchen und legte für manche Nacht in exquisiten Hotels 300 Euro hin. Er leistete sich ausgefallenste Abenteuer mit Edelnutten. Doch irgendwann füllte ihn das alles nicht mehr aus, er langweilte sich zu Tode, trank viel und ließ sich monatelang ziemlich gehen. Bevor er ganz versackte, raffte er sich noch einmal auf und sinnierte darüber, was er noch Sinnvolles aus seinem Leben machen könnte. Um sich genauer über seine Pläne klarzuwerden, beschloss er, erst einmal 14 Tage auf Pilgerfahrt zu gehen. Und jetzt sei er unterwegs.

Vage schwebte ihm vor, eine Stiftung zu gründen, um verschiedentlich Gescheiterten den Weg zurück ins Leben zu ebnen. Mir kam in diesem Zusammenhang gleich Fran in den Sinn, der so eine Anschubfinanzierung gut gebrauchen könnte. Doch als ich ihn vorsichtig ins Spiel brachte, erschien das Carlos als zu vorschnell, da sein Projekt ja noch gar nicht gereift sei. Im Übrigen hatte er in seinem Betrieb einschlägige Erfahrungen mit der Resozialisierung von Kriminellen und Asozialen gemacht. Er hatte sich öfters vom Arbeitsamt überreden lassen, ihnen eine zweite Chance zu geben, doch er wurde durchwegs von ihnen enttäuscht. Mal kamen sie besoffen, mal gar nicht zur Arbeit, mal fehlten größere Summen in der Kasse oder wertvolles Werkzeug war verschwunden. Er wollte aus diesen Erfahrungen lernen und nicht einfach offenbare Fehler endlos wiederholen. Ich konnte seine Vorbehalte durchaus verstehen, die er sich auch nicht ausräumen ließ, als ich für Fran und seinen durch und durch gesunden Charakter meine Hand ins Feuer legte. Immerhin ließ er sich seine Handynummer geben. Ob sie je in Kontakt kamen, weiß ich nicht.

Unablässige Sturmböen, die wie heulende Sirenen übers Land fegten und den Regen kübelweise an die Scheiben klatschten

Kurz vor Mitternacht verabschiedeten wir uns. Am Himmel hingen pechschwarze Wolken, es brauste ein eisiger Wind, erste Blitze zuckten, gefolgt von einem markerschütternden Donnern. Ich hatte gerade die Herberge erreicht, die zum Glück auch nachts geöffnet hatte, als das Unwetter losbrach.

Ein gewaltiger Sturm setzte ein, der den plötzlichen Hagel mit einer derartigen Wucht an meine Glaswand peitschte, dass ich ernsthaft befürchtete, sie könnte nachgeben. Flammende Blitze, grollende Donnerschläge, unablässige Sturmböen, die wie heulende Sirenen übers Land fegten und den Regen kübelweise an die Scheiben klatschten. An Schlaf war unter diesen Bedingungen in meinem fragilen Glasgehäuse fast nicht zu denken, obwohl ich von den Tagesstrapazen ernstlich müde und vom Kneipenbesuch leicht angeschickert war. In dieser einen Nacht fiel so viel Niederschlag wie normal im ganzen Monat Juli.


Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 53 – Ein Reisebericht

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Bildnachweis Titelbild: Endlich in Galicien angekommen
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt