Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Eine Kuh findet Gefallen am Genuss eines Hanfstricks, der glückliche Einsiedler von Montefurado,
knurrende Mägen vor geschlossener Bar und Maja auf der Warteliste zum Handlesen…

19. Juli
Pola de Allande – Berducedo (20 Kilometer)

Als Morgenmeditation fand ich einige stimmungsvolle Zeilen, die sich vorher jemand Anonymes ins Tagebuch geschrieben hatte. Sie sprachen davon, wie Wunden sich in Wunder verwandeln, Dornen Rosen trugen und der Weg Schritt für Schritt runder wurde.

Können Dornen Rosen tragen?

Bei diesen Versen erinnerte ich mich an ein kostbares Buch des evangelischen Theologen Jörg Zink „Dornen können Rosen tragen“, wo er in der Mystik die Zukunft des Christentums sieht und mir da tief aus dem Herzen gesprochen hat. Jetzt erlebte ich seit Tagen immer neu den dornigen Pfad, der durch körperliche Beschwerden bewirkt wurde, die mir bisher unbekannt waren. Würde ich es schaffen, neben dem ständigen Stachel im Fleisch auch den betörenden Duft der Rose zu erfassen? Es war eine völlig neue Herausforderung, die mir einen grundsätzlichen Sinneswandel abverlangte. Schwächegefühle kannte ich bisher reichlich auf psychischer, doch nur wenig auf physischer Ebene.

Daneben machte sich langsam wieder das Bedürfnis nach freundschaftlicher Kameradschaft und Ansprache auf dem Weg bemerkbar. Das lange schweigende Alleinsein tat mir in meiner Situation nicht gut. Es lenkte mich wenig ab und ließ meine Gedanken nur immer erneut um meine fühlbaren Schmerzen kreisen. Doch die ersten zehn Kilometer am frühen Morgen gingen nach der Entspannung der Nacht meist relativ reibungslos. Das Problem begann eigenartigerweise immer erst nach der ersten Pause, die primär der Entspannung dienen sollte, aber eher verstärkte Verspannung zur Folge hatte.

Grüne, zerklüftete Berglandschaft AsturiensMit Knüppeln zwischen den Beinen passaufwärts

Heute stand gleich hinter Pola de Allande ein langer Anstieg auf der Asphaltstraße an, die auf den 500 Meter höheren Puerto del Palo führte. Er warf mir, wie der Name schon andeutete, buchstäblich Knüppel zwischen die Beine. Die weitausholenden Serpentinen zogen sich endlos. Mühsamer Aufstieg zum Puerto del Palo

Das Wetter war morgens noch frisch, dann aber bald zunehmend wärmer und bereits zu Mittag drückend heiß. Die Landschaft war saftig grün, tief im Tal rauschte ein Wildbach und breitausladende Edelkastanien säumten den Weg. Je näher man der 1130 Meter hohen Passhöhe kam, desto mehr ging die Vegetation zurück. Verkrüppelte Steineichen, geduckte Pinien und wildwucherndes Heidekraut beherrschten jetzt die Szene und oben breiteten sich nur noch weite Almwiesen ohne jeden Baumbewuchs aus. Dort galoppierten Herden von Wildpferden mit ihren jungen Fohlen die Hügel hinan, daneben graste träges Hornvieh. Die Aussicht hinunter in die tiefeingeschnittenen Täler und auf die umliegenden Gebirgskämme war spektakulär.

Mit Rindviechern ist nicht zu spaßen

Ich hatte mich gerade zu einer Rast niedergelassen, als eine Kuh mit mächtigen Hörnern sich zu meinem großen Unbehagen zwei Meter entfernt von mir an einem dicken Hanfstrick zu schaffen machte, den sie wohl für ein besonderes Gourmetstück hielt. Sie mahlte eine Viertelstunde auf ihm herum und würgte ihn schließlich in seiner vollen 2-Meter-Länge hinunter, um ihn fünf Minuten später wieder gut eingeschleimt neben mir auszukotzen. Nicht gerade appetitanregend! Wildpferde in freier Natur am Puerto del Palo

Doch weit irritierender war ihr durchdringend blöder Blick, mit dem sie mich daraufhin musterte. Wer weiß denn, was diese 600-Kilo-Monster im Schilde führten? Ich war erleichtert, dass dieses Rindvieh sich nicht noch an meinem daneben liegenden Rucksack vergriff und ihn vielleicht mit dem roten Tuch eines Toreros verwechselte. Doch angeblich reagieren auch die Kampfstiere weniger auf die Farbe Rot als auf die Bewegung des Tuches. Da mein wertes Gepäckstück regungslos in der Landschaft lag, nimmt es somit nicht Wunder, dass sich meine tierische Freundin offenbar ohne Interesse im Zeitlupentempo aus dem Staub machte.

Jeder Schäfer hätte wohl gesagt, dass Kühe gutmütig seien und niemandem etwas zu Leide täten, doch das sagten die Besitzer von beißwütigen Hunden auch immer. Ich jedenfalls blieb brav ruhig sitzen und regte mich eine halbe Stunde nicht von der Stelle, um erst gar nicht den Anschein einer Bedrohung aufkommen zu lassen. Das hat mein mächtiges Gegenüber nach langem Nachsinnen dann offenbar auch kapiert, bevor es ganz allmählich das Weite suchte.

Miguel, ein Eremit in der Bergeinsamkeit von Montefurado

Von der Passhöhe ging es auf steilen Wegen, die gepflastert waren mit gefährlich lockeren Steinbrocken, über einige Kilometer hinunter in das 200 Meter tiefer gelegene, idyllische Bergdorf Montefurado. Dieser weithin sichtbare Ort bestand lediglich aus mehreren schiefergedeckten Granithäusern, die sich die Natur so langsam zurückholte. Er war nur noch von einem einzigen, alten Mann und seinen Kühen, Schafen und Hühnern bewohnt. Daneben betätigte sich Miguel als Imker. Er war kerngesund und die harte Arbeit hatte tiefe Falten in sein Gesicht gegraben. Er machte einen rundum zufriedenen Eindruck, für Depressionen hatte er keine Zeit, dafür war er viel zu beschäftigt.

Montefurado- in diesem Dorf wohnt nur noch ein einziger, aber glücklicher alter Mann mit seinen TierenEr hatte sein ganzes Leben in dieser Bergeinsamkeit verbracht und war allein übriggeblieben, als seine Kinder aus dem Haus gingen und seine Frau und seine verbliebenen Nachbarn sukzessive gestorben waren. Für ihn war es undenkbar, unten im Tal zu leben. Seine Töchter kamen ihn mit seinen Enkeln jedes Wochenende besuchen und versorgten ihn dabei mit frischen Lebensmitteln. Sie nahmen dafür aromatischen Blütenhonig und würzigen Bergkäse mit, die zum persönlichen Konsum dienten oder in den Läden der umliegenden Täler verkauft wurden. Für die Kleinen war der Besuch am Bauernhof immer ein besonderes Erlebnis und ihr Opa erschien ihnen wie ein liebenswerter Exot aus einer anderen Welt.

Die einzigen menschlichen Kontakte neben seiner Familie waren für Miguel die Pilger des Camino Primitivo, die von Zeit zu Zeit an seinem Hof vorbeizogen und einige karge Worte mit ihm wechselten. Ohne Strom gab es in diesem Einöddorf auch kein Radio und keinen Fernseher, doch er war froh, dass er von dieser „caja tonta“, von diesem blöden Kasten nicht belästigt wurde. Er genoss vielmehr die beeindruckenden allabendlichen Sonnenuntergänge und war nach dem morgendlichen Hahnenschrei wieder auf den Beinen.

Was hilft eine Bar, die nicht offen ist?

In Montefurado traf ich auf Emilio, einen Pilger aus Mexiko, der seit einer Woche mit seiner Tochter Silvia unterwegs war. Sie gingen jedoch wesentlich langsamer und ich hängte sie bald ab. Der dornige, von struppigen Kräutern und Hartlaubgewächs gesäumte Weg nach Lago lief 10 Meter unterhalb der Straße. Brütende Hitze trieb den Schweiß mächtig aus den Poren. Das Wasser wurde zunehmend knapp, da es bisher noch keine Quelle gegeben hatte und ich in Montefurado vergessen hatte, bei Miguel meine Flasche zu füllen. Asturien- es grünt so grün

Alle Hoffnung richtete sich nun auf die Café-Bar Sérafin, die im Führer verzeichnet war und in der ich mir im Voraus genüsslich ein kräftiges Menü zusammenphantasierte. Dieser kulinarische Antrieb ließ den letzten steilen Anstieg in der Bullenhitze erträglicher erscheinen, doch montags waren leider die Tore der Bar geschlossen. Man war lediglich bereit, mir missmutig die Flasche mit Wasser nachzufüllen.

Als eine Viertelstunde darauf Emilio und Silvia völlig ermattet und ausgetrocknet eintrudelten und bezüglich der Bar die gleichen Erwartungen hegten wie ich, wurden ihre Gesichter nicht weniger lang. Man versicherte uns, dass es im „nur“ fünf Kilometer entfernten Berducedo gleich drei Bars gäbe, von denen eine auf jeden Fall offen hätte. So mussten wir am Boden kauernd mit unseren trockenen Brotvorräten vorlieb nehmen und kamen dabei etwas ins Gespräch.

Emilio, der Mexikaner: Spanien ist unsere Mutter Vaterland

Emilio machte mit seiner 25-jährigen Tochter einen Europatrip und wollte nach dieser Pilgerfahrt von Oviedo nach Santiago noch Madrid, Barcelona, Paris, Florenz und Rom besuchen. Doch im Zentrum stand seine Begegnung mit Spanien, das er als seine „madre patria“ bezeichnete, als seine Mutter Vaterland:

„Wir als Mexikaner und generell alle Lateinamerikaner haben zu Spanien ein zutiefst gespaltenes Verhältnis. Zum einen hat uns die ehemalige Kolonialmacht unsere Hochkulturen geraubt und zerschlagen sowie Abertausende von Indios hingeschlachtet. Andererseits haben die Spanier uns ihre Sprache und ihre Kultur geschenkt und im Zuge der christlichen Missionierung ihre Seele dagelassen, die uns wie ein unsichtbares Band an sie kettet. Ich fühle mich als Nachkomme der Eroberer, auch wenn sicher viel Mischblut durch meine Adern fließt. Doch in Mexiko will niemand zur diskriminierten Schicht der Indios gehören, der nur einen Tropfen weißen Blutes im Leib hat. Der Rassismus ist bis heute ein riesiges Problem. Doch die indigenen Völker erwachen langsam und werden von Jahr zu Jahr selbstbewusster. Das könnte die politische Landschaft Lateinamerikas in wenigen Jahrzehnten total umstülpen.“

Maria trug die Schuld

An der Straße vor der Bar hielten ständig sportliche Autos mit Wochenendtouristen an, die einen sagenhaften Riesenbaum mit 12 Meter Umfang gleich neben der Dorfkirche besichtigen und natürlich fotografieren wollten. Wir hatten auf unserem schweißtreibenden Anstieg diese Sehenswürdigkeit völlig übersehen und waren auch nicht bereit, dafür erneut 500 Meter abzusteigen. Uns reichte es vollkommen, über schmale Pfade, asphaltschwere Landstraße, Waldwege und Feldpisten in 1,5 Stunden das kleine Dorf Berducedo mit seinen angekündigten drei Bars zu erreichen. Die kleine Herberge war bereits voll, doch als ich erfuhr, dass das vier Kilometer entfernte Albergue von La Mesa auch schon belegt war, beschloss ich im Vorgarten im Freien zu übernachten. Die Dusche und Küche konnte ich so auch benützen.

Drückende Hitze auf angenehmem Pfad neben der StraßeMit den Kneipen bahnte sich ein Flop an. In der Ersten waren bereits alle Plätze für offenbar vornehmere und zahlungskräftigere Gäste reserviert, worauf man mich nach einem kleinen Drink an der Bar höflich hinauskomplimentierte. Die Zweite hatte nur Getränke und nichts Essbares im Angebot. Die Dritte trug den merkwürdigen Namen „La culpa fué de Maria“, Maria hatte die Schuld. Ob es sich dabei um eine alte Abrechnung aus dem Dorfalltag handelte oder der Jungfrau der engelhafte Seitensprung von ihrem Ehemann Josef in die Schuhe geschoben wurde, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Jedenfalls gab es auch hier nur Flüssiges, doch an die Bar war ein Supermarkt angeschlossen, in dem man sich mit Obst und Gemüse, allen Arten von Konserven, Süßspeisen und den beliebten „Bocadillos“ mit Schinken und Käse eindecken konnte. So kam doch noch ein halbwegs anständiges Menü heraus. Dazu gab es bei dieser Affenhitze zum erfrischenden Bier keine Alternative.

Nur Maja will sich gern in die Karten schauen lassen

Am Nebentisch kam ich mit drei Frauen ins Gespräch, den Schwedinnen Lisbeth und Ann-Britt und der Dänin Maja. Sie sprachen alle ein beneidenswert fließendes Englisch, was in diesen Ländern wohl zum Standard gehört. Lisbeth war in Stockholm Dozentin für Philosophie und Psychologie und arbeitete in einem Forschungsprojekt zur sozialen Integration von Randgruppen. In diesem Bereich war ich ja zum Ende meiner Studienzeit auch einige Jahre tätig gewesen. Ich bat gleich etwas forsch ihre Hand, um aus ihren Linien einige charakterliche Grundzüge herauszulesen. Doch sie war gar nicht so begeistert, dass ihr jemand in die Karten schauen wollte.

Umso aufmerksamer verfolgte Maja, die in Kopenhagen Lehrerin für Yoga und Englisch war, diese Prozedur und setzte sich schon einmal auf meine Warteliste. Ich war heute schlicht zu matsch, um noch mehr Hände zu lesen. Maja hatte ein Jahr in Barcelona verbracht und sprach perfekt Spanisch, was mir sehr entgegenkam. Ich hatte ja dort auch ein halbes Jahr gelebt und vor der Olympiade 1992 darüber einen kunst- und kulturgeschichtlichen Stadtführer geschrieben. Wir waren uns einig, dass die katalanische Hauptstadt in puncto Stadtplanung, moderner Architektur und Design führend in Spanien, wenn nicht in Europa war, doch das einem die elende Knausrigkeit ihrer Bewohner schon oft auf den Wecker ging. Dieser krämerische Charakterzug ist ganz unspanisch und fällt dem Besucher gegenüber der sprichwörtlichen Großzügigkeit der Madrilenen oder Sevillaner sofort ins Auge.

Im Weiteren wurde es dann doch noch sehr lustig, die Schwedinnen besorgten eine Flasche guten Rioja-Wein und wir lachten ungemein viel, bis bei angenehm lauen Temperaturen die späte Dämmerung hereinbrach. Der Blick von meiner Isomatte in den sternenübersäten Nachthimmel war ein besonderes Geschenk vorm Einschlafen, das sich heute ungestört vom Schnauben und Schnarchen anderer vollziehen konnte.


Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 50 – Ein Reisebericht

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Teil 1 – 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen – Ein Reisebericht

Bildnachweis Titelbild: Rast in angenehmer Gesellschaft…
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt