Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

 Was ein Glück, wenn nach sieben Stunden Warten endlich doch noch der Bus kommt,
eine fast peinliche Siesta auf dem Friedhof und nächtliches Sinnieren über Schmerzen…

18. Juli
Tineo – Pola de Allande (6 Kilometer zu Fuß, 30 Kilometer per Bus)

„Morgenstund hat Gold im Mund“, sagt das Sprichwort. Doch das galt nicht, wenn man ein so lädiertes Bein mit sich herumtrug wie ich. Ich stand zwar in der allgemeinen Aufbruchsunruhe um sechs Uhr morgens mit auf und frühstückte üppig mit Fran und Javi. Doch meine stark schmerzende Leiste diktierte mir unzweideutig den Entschluss, die heutige 32-Kilometer-Etappe bis Pola de Allande mit dem Bus zurückzulegen. Wir vereinbarten, uns dort abends in der Herberge wiederzutreffen. Fran konnte ich beruhigt Javi überlassen, für den Geld kein Thema war und der sich als neuer Mäzen geradezu anbot. Bei dem kurzen, herzlichen Abschied war noch nicht vorauszusehen, dass ich Fran auf dieser Reise nicht mehr wiedersehen würde.

Ein Bus fährt, wann er will, und nicht, wann man ihn erwartet

Die Herberge lag zwei Kilometer vom Ortszentrum von Tineo entfernt und hier draußen konnte mir niemand Auskunft darüber geben, wann die Busse in meine gewünschte Richtung abfuhren. So machte ich mich zunächst ohne Gepäck auf Erkundungstour. Es gibt Fahrpläne in Spanien, die strikt eingehalten werden, aber erfahrungsgemäß manchmal eben auch nicht. So schien es mir vertrauenswürdiger, in der Kneipe an der zentralen Bushaltestelle um Auskunft nachzusuchen. „Der Bus kommt immer so um 13 Uhr.“ Vielleicht hätte ich zur Sicherheit noch fragen sollen, ob das für den heutigen Sonntag auch gelte, doch ich nahm selbstverständlich an, dass sie das schon im Hinterkopf hatten. Der Fahrplan war derart unübersichtlich und strotzte vor Ausnahmen und Sonderanschlüssen, dass da niemand durchblickte.

Ich trottete also die zwei Kilometer in die Herberge zurück und holte mein Gepäck. Das gefiel meiner wunden Leiste schon wesentlich weniger. Doch schließlich konnte ich ihn hinter der Tür der Kneipe abstellen und war dieses Monstrum los. Die Zeit des Wartens konnte beginnen. Ich legte meinen Fuß hoch, kaufte mir eine Lokalzeitung, bestellte eine Cola und machte dann meine Aufzeichnungen im Reisetagebuch. Der Zeiger der Rathausuhr kletterte auf 13 Uhr, doch vom Bus war nichts zu sehen. Als es 14 Uhr wurde, hatte ich endgültig die Hoffnung aufgegeben, dass es sich hier um eine simple Verspätung handeln könnte. Ich fragte den Dorfpolizisten, doch der war mit dem geringen Verkehr schon überfordert und konnte mein Informationsbedürfnis nicht befriedigen. Bis 15 Uhr war ich einigermaßen mit der Beobachtung des regen Kommens und Gehens beschäftigt, doch mit der Essenszeit und der anschließenden Siesta wurde es sehr ruhig am Dorfplatz.

Siesta an einem ungewöhnlich friedlichen Ort

Um 16 Uhr hielt für zehn Minuten ein Bus, der in eine andere Richtung weiterfuhr. Ich bat den Chauffeur um eine dezidierte Auskunft. Er studierte eingehend das Fahrplanchaos und resümierte dann bestimmt: „Der Bus nach Pola de Allande geht um 18 Uhr ab.“ Mit dieser Information aus berufenem Munde begab ich mich auf die Suche nach einem Schlafplätzchen, schließlich war ich in Spanien und alle machten jetzt Siesta. Doch der Ort war wie zugepflastert, rundum nur Grünflecken mit stacheligem Gewächs, das nicht zum Hinlegen einlud. Nach längerem Herumirren schlüpfte ich durch ein kleines Türchen in den lokalen Friedhof, wo ich außerhalb des Gräberfeldes unter einer Pinie ein schönes Grasfleckchen fand, auf dem ich mich sogleich ausstreckte und in einen tiefen Schlaf versank.

Wie durch eine innere Uhr gesteuert, wachte ich um halb sechs wieder auf, um noch rechtzeitig meinen Bus zu erreichen. Doch er stellte sich auch um 18 Uhr nicht ein. Stattdessen war der halbe Ort auf den Beinen und bewegte sich zu getragener Blasmusik hinter vier Sargträgern Richtung Friedhof. Offenbar war irgendein lokaler Honoratior gestorben oder ein beliebter Mitbürger, dem man das letzte Geleit geben wollte. Ich stellte mir schaudernd vor, wenn sie mich dort wenige Meter von der Begräbnisstätte entfernt ausgestreckt schlafend angetroffen hätten. Wie pietätlos und peinlich hätte das ausgehen können!

Erholung ist etwas anderes

Nach ausgiebigem Studium des Chaosfahrplans kam ich zum Schluss, dass die letzte Chance auf den Bus um 20 Uhr bestand. Und pünktlich stellte er sich zu dieser Uhrzeit auch ein. Die Tage waren hier im Westen immer noch sehr lang und ich konnte den Großteil der Strecke vor Einbruch der Dunkelheit erleben. Es ging durch gigantische, zerklüftete Bergschluchten, die romantisch im Abendrot leuchteten, und ich war heilfroh, meine Leiste vor diesem unendlichen Auf und Ab bewahrt zu haben. Doch so ein richtiger Erholungstag war es wegen der ewigen Warterei und Sitzerei auf unbequemen Kneipenstühlen auch nicht gewesen.

Die Großherberge in Pola de Allande war voll besetzt, doch ich fand in der Oberetage eines Stockbetts gerade noch ein Plätzchen. Da die Herbergsmutter schon zwei Stunden vorher da gewesen war, um die Stempel zu verteilen und die Übernachtungsgebühren zu kassieren, kam ich auch darum herum. Fran traf ich nicht an. Nach einem Telefonat stellte sich heraus, dass er mit Javi auf der halben Tagesetappe hängengeblieben war. Ich äußerte meinen Wunsch, so gut wie möglich in meinem Rhythmus weiterzugehen und nicht extra auf ihn zu warten. Man würde sich sicher irgendwann irgendwo unverhofft wieder treffen.

In einem italienischen Restaurant ließ ich mir noch eine Riesenpizza schmecken, von der ich mir die Hälfte als morgigen Reiseproviant verpacken ließ, und begoss das Ganze mit einer Flasche spritzigen Sidras. Hier bekam ich nachträglich auch noch meinen Stempel in den Pilgerausweis.

Schmerzen und die Wohltat des buddhistischen Mitleids

Das Einschlafen im geräuschvollen Großschlafsaal war mühsam und dauerte gefühlt ein bis zwei Stunden. Ich spürte in fast jeder Position äußerst unangenehm meine wunde Leiste, deren Pochen sich auch mit einer Tablette nur geringfügig betäuben ließ, doch ich war schlicht zu wenig gelaufen, um richtig müde zu sein.

Ich hing noch vage dem Gedanken nach, was Schmerzen wohl für einen Sinn haben und was sie einem eventuell sagen wollen. Ich war ja bisher oft der Meinung gewesen, dass man sich alles krankhafte Übel über lange Zeit selber heranzüchtete. Und ich meinte, dass es sich erst an der Wurzel heilen ließe, wenn man sich über die Ursachen bewusst geworden wäre und sich dafür voll verantwortlich fühlte. Das ließ mich gegenüber den Leiden von anderen oft als hart, kompromisslos und fast etwas grausam erscheinen.

Jetzt begriff ich, dass so eine rigide, dogmatische Haltung, die dem Zufall keinerlei Raum gibt, sehr wenig hilfreich war. Andere müssen ihr Leben lang mit permanenten Schmerzen zurechtkommen und wollen neben dem Erleiden nicht auch noch die Last der Schuld tragen müssen. Ich merkte zugleich, wie gut es tat, wenn ab und zu jemand sein Mitgefühl mit meinen Beschwerden zeigte und beschloss, diese bei den Buddhisten hochgeschätzte Tugend künftig stärker in mein Verhalten aufzunehmen. So konnte ich meinem Leid am Ende auch versöhnlichere Töne und einen wesentlichen Erkenntniszuwachs abgewinnen.


Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 49 – Ein Reisebericht

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Bildnachweis Titelbild: Endlich wieder Rast…
Alle Fotos: Copyright ©Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt