Auf dem „Weg der Sterne“ zum „Ende der Welt“

Von Johannes Spiegel-Schmidt

Sparkassenkarte ja, aber ohne PIN, „Hunger“ à la Knut Hamsun
und die schweigende Romanik des Mudejar-Stils von San Tirso…

4. Juli
Ermita de la Virgen del Puente – Sahagún (drei Kilometer)

Ich machte mich um sieben Uhr früh mit schweißigem T-Shirt und ausgetrockneter Kehle ohne Frühstück auf in das eine halbe Stunde entfernte Sahagún. In Kürze würde alles besser werden und ich könnte zumindest wieder genauso leben wie die anderen Pilger und müsste mir nicht mehr jeden Cent vom Mund absparen. In dieser Provinzstadt war am Samstag Markttag. Die Post machte erst um 9 Uhr morgens auf und so schlenderte ich zur erstbesten Herberge, um dort wenigstens meinen lästigen Rucksack abladen zu können.

Hungerlügen

Auf den Ständen des Straßenmarkts stapelten sich appetitliches Obst und Gemüse in allen Formen, Farben und Gerüchen zu wahren Kunstwerken. Händler priesen in lauten Tönen ihre Ware an. Da und dort durfte ich einen Schnitz Apfel oder Orange probieren, um als Kunde von der Qualität der Ware überzeugt zu werden. Doch obwohl ich kein potenzieller Käufer war, probierte ich überall trotzdem mit gespieltem Interesse, das diktierte mir allein schon mein knurrender Magen.

Feste Rollenverteilung zwischen Mann und Frau

Die Frauen schleppten riesige Einkauftaschen zu den Autos und Lieferwagen am Rande, wo ihre Männer heftig palavernd und zigarettenrauchend auf sie warteten. Der traditionelle Rollentausch wurde strikt eingehalten. Der Haushalt einschließlich Einkauf ist das Reich der Frau und das zweite Standbein ihrer Macht neben der Kindererziehung, in die sich Männer nach diesem Schema auch nicht einmischen sollten.

Nach der Zeit des Kinderzeugens werden die Männer daheim nur noch zum Essen von riesigen Fleischbergen und zur anschließenden Siesta geduldet. Dann bekommen sie etwas Geld von der Chefin des Hauses in die Hand gedrückt, das sie vorher bei ihr abgeliefert haben, um baldmöglichst in ihrem zweiten Heim, der Kneipe, zu Domino-, Karten- oder Würfelspielen zu verschwinden. In den Großstädten macht sich zunehmend mitteleuropäischer Einfluss bemerkbar, doch im Hinterland sind die Geschlechtsfronten nach wie vor sehr starr. Hier weigert sich die Frau sogar ausdrücklich, emanzipierte, männliche Hilfe im Haus anzunehmen, weil das ihre traditionell dominante Machtbasis schmälern würde.

Auch bei der Feldarbeit setzt sich das fort: Alles, was mit Maschinen zu tun hat, ist Männersache. Parallel zum Kinder Zeugen, Austragen und Gebären, ist der Mann lediglich für die Aussaat zuständig, während sich die Frau um den Rest bis zum Einfahren der Ernte kümmert. Es sind archaische Gesetze, die nur durch die zunehmende Maschinisierung aus dem Gleichgewicht geraten und inzwischen wohl selbst von den Betroffenen in ihrem tieferen Sinn nicht mehr verstanden werden.

Endlich die Sparkassenkarte – doch ohne PIN

Pünktlich um 9 Uhr betrat ich schließlich als Erster das Postamt, die Angestellte kramte eine ganze Weile in dem Stapel herum, bis sie tatsächlich einen Brief für mich aus Berlin herausfischte. Mir fiel ein wochenlanger Stein vom Herzen. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuße: Ich hatte zwar meine neue Sparkassenkarte erhalten, allein es fehlte der PIN, ohne den sie nicht zu benützen war. Die Frau hinter dem Schalter zerstörte sogleich meine letzten Hoffnungen auf einen zweiten Posteingang:

„Hier in der Provinz wird nur einmal täglich Post angeliefert, vor Montag brauchen Sie deshalb nicht wiederzukommen.“

So war zunächst mal nichts mit Geld Abheben, Einkaufen, üppig Essengehen und was ich noch alles an Wünschen seit Tagen mit mir herumtrug. Ich wusste noch nicht einmal, von was ich die Herberge zahlen sollte, das galt es nun, als Erstes anzugehen. Die Reinigungsfrau war inzwischen fertig mit ihrer Arbeit und ich näherte mich schüchtern der Rezeptionistin und schilderte ihr meine missliche Lage.

Reste essen und freie Übernachtung

„Ach, da machen sie sich mal keine zusätzlichen Sorgen. Für Pilger, die wirklich nichts haben, ist die Übernachtung frei.“ Ich hätte ihr um den Hals fallen können. Im nächsten Moment war ich mit meinem Gepäck im Schlafsaal im 1. Stock, belegte ein Bett und ging ausgiebig duschen. Dann wurde die ganze Wäsche durchgewaschen, die in der aufkommenden Hitze in einer Stunde trocken war. Nach der Rasur machte ich wenigstens äußerlich wieder einen zivilisierten Eindruck.

Doch das Magenknurren wurde immer lauter. Ich fand bei den Resten, die andere Pilger zurückgelassen hatten, einen mäßig gefüllten Beutel Linsen. Im Kühlschrank lagen im Gemüsefach einige verschrumpelte Möhren und eine angebrochene Zwiebel sowie ein halbes Dutzend kleiner Kartoffeln, die bereits heftig Triebe schlugen. Wie lange mochte das hier schon gelegen haben? Salz und Pfeffer gab es auch und in einer guten, halben Stunde stand ein improvisierter, dampfender Eintopf auf dem Tisch. Mich störte es nicht, die in Spanien übliche Mittagszeit um drei Stunden auf 11 Uhr vorzuziehen, und habe selten mit so viel Heißhunger ein Gericht verschlungen. Ich musste mich buchstäblich dazu zwingen, jeden Bissen, an dem es eigentlich nichts zu beißen gab, dreißigmal zu kauen und genüsslich einzuspeicheln, bevor er die Speiseröhre hinunterglitt. Die Linsen waren derart aufgequollen, dass das Essen auch noch bis morgen reichte. Ich deponierte den Rest in einem kleinen Töpfchen neben dem Kühlschrank. So ein leichter Gemüseeintopf machte zwar nicht wirklich satt, doch man hatte wenigstens wieder etwas Warmes im Magen.

Alfons VI. feiert sein 900-jähriges

Ich hatte mich gerade etwas hingelegt, als mich laute Böllerschüsse weckten. Irgendetwas Feierliches stand offenbar hier auf dem Programm. Die freundliche Herbergsmutter drückte mir eine Broschüre in die Hand, in der die viertägigen Fiestas zum 900-jährigen Todestag des hier gebürtigen Königs Alfons VI. angekündigt waren. Das war ein glücklicher Zufall. So war in diesem verschlafenen Provinzstädtchen doch noch richtig was los und ich konnte meinen Zwangsaufenthalt einigermaßen sinnvoll mit etwas Kulturgeschichte würzen.

Ich eilte hinunter ins Zentrum, wo an der mudejaren San Tirso-Kirche die Glocken Sturm läuteten. Ich platzte gerade hinein zum Beginn der feierlichen Hochmesse, die im Beisein des Erzbischofs zelebriert wurde. Die Festgemeinde hatte sich in Schale geworfen, doch als Pilger durfte ich ruhig etwas abgerissen erscheinen.

Ein besonderes Highlight war dabei der Besuch der Mönchschöre der Benediktinerabtei Leyre sowie des königlichen Augustinerklosters El Escorial, die ihre wunderbaren gregorianischen Gesänge erschallen ließen. Das war ein besonderes Geschenk für mich, das einige folgende Misstöne vergessen ließ.

Fragwürdiges aus Bischofsmund

Der Bischof würdigte in seiner Festansprache das „Verdienst Alfons VI., das Königreich Castilla y León der katholischen Welt geöffnet und die Relikte des kirchenrechtlichen Sonderstatus Spaniens aus westgotischer und arabischer Zeit abgestreift zu haben. Erst so ist das Land zu einem anerkannten Vollmitglied des Abendlands geworden und hat seine traditionelle Zwitterrolle als Vermittler zwischen islamischer, jüdischer und christlicher Kultur hinter sich gelassen.“

War das wirklich ein Verdienst und nicht vielmehr der Beginn seines geschichtlichen Niedergangs, wie das der führende, spanische Historiker Claudio Albornoz bereits vor Jahrzehnten mutmaßte. War Spanien als von Toleranz geprägte, kulturelle Drehscheibe zwischen Orient und Okzident der Kreuzzugideologie, die Ende des 11. Jahrhunderts im Abendland aufkam, nicht weit überlegen gewesen? Barg sein Jahrhunderte praktiziertes Modell einer friedlichen Koexistenz verschiedener Religionen und Nationen nicht schon im Mittelalter Keime einer Zukunft, welche die religiöse Ökumene und die UNO-Charta erst nach dem 2. Weltkrieg unter schweren Geburtswehen erreichten?

Mich wunderte, mit welchem Brustton der Überzeugung alle mit dieser Epochenwende Alfons VI. verbundenen, späteren Fehlentwicklungen verschwiegen wurden: die Vertreibung oder Zwangskonversion Andersgläubiger; die Inquisition, die sich schamlos am Eigentum wohlhabender, zum Christentum übergetretener „judios conversos“ bereicherte; der Völkermord an den Indios in Lateinamerika und die Versklavung der Schwarzen. Und last but not least der Nationalkatholizismus Francos, dessen Diktatur die Kirche 40 Jahre willig folgte und dem sie das ideologische Korsett lieh.

Dieses starre Festhalten an Positionen, die in rechthaberischer Weise alle kulturenverbindenden Errungenschaften der Vergangenheit verdammen, hat zu einem großen Abrücken weiter Kreise in Spanien von dieser Kirchenideologie geführt. Doch es gibt innerhalb der katholischen Kirche immer noch eine breite Masse, die ohne Wenn und Aber zu ihrer Geschichte steht und sich weigert, durchaus mögliche historische Alternativen ernsthaft in Erwägung zu ziehen? Diese Versteinerung in überlebten Positionen von Teilen des spanischen Katholizismus führt andererseits zu einem Entfremdungsprozess, in den immer breitere gesellschaftliche Kreise hineingezogen werden. Der Antiklerikalismus von gut der Hälfte der Bevölkerung ist nirgends in Europa so militant wie in Spanien. Das Bild von Spanien als einheitlich konservativem, katholischen Land ist eine hohle Fassade und entspricht schon seit Jahrzehnten nicht mehr den Tatsachen.

Diese Ansprache des Prälaten schien eigenartigerweise den Prämissen des keineswegs sonderlich frommen Philosophen Ortega y Gasset zu folgen: „Spanien ist das Problem. Europa ist die Lösung.“ Bei beiden kam erneut der spanische Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem zivilisierten Mitteleuropa unterschwellig zum Tragen.

Wie anders und erfreulich selbstbewusst klang es dagegen bei dem Maler Salvador Dalí, als er 1986 zum Jahr des EG-Beitritts der zwei iberischen Völker den Staatschefs der Mitgliedsländer 12 Bilder aushändigte. Sie standen unter dem Titel: „Europa kehrt nach Spanien zurück.“

Eine ähnliche Optik hatte bereits Gerald Brenan in den 40erjahren zu seiner epochemachenden, schonungslosen Analyse in seinem Hauptwerk „Das spanische Labyrinth“ inspiriert und war mir 1988 Leitlinie bei meinem ersten Buch „Spanien – Reisen und Begegnungen“. Die Voraussetzung für so einen Blick ist, sich von Allgemeinplätzen und vorgefertigten Schubladen zu verabschieden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, was sich hinter den Kulissen abspielt. Doch dafür muss man hier gelebt haben, sich dieses Land als Fremder er-lebt haben, bevor man zu dem Schluss kommt: In der blinden Anbiederung an Mitteleuropa kann Spanien nur verlieren, dagegen kann Europa von den Spaniern viel lernen, was ihre sprudelnde Vitalität und gesunde Lebensart sowie ihre tief verwurzelte „Kultur des Herzens“ anbelangt.

Die Menge drängte aus der Kirche, um dem feierlichen Auszug von Prälaten und Mönchschören beizuwohnen. Ich blieb schließlich allein in diesem Gotteshaus zurück, nachdem die Tore geschlossen waren. Nach der lautstarken Ansprache des Bischofs wartete hier eine zeitlose, stumme Botschaft mit weit größerer Transzendenz.

Die schweigende Romanik des Mudejar:
Man muss in dieser weitgehend schmucklosen Geometrie lesen

In San Tirso ebenso wie in der anderen örtlichen Kirche San Lorenzo haben wir es nicht mit einer „Romanik aus Stein“ zu tun, die an ihren Portalen und Kapitellen Geschichten erzählt. Der sogenannte Stil des „Mudéjar“ ist eine „schweigende Romanik“, die in einer unterschwelligen Osmose mit dem islamischen Geist lebt. Er nistet sich danach als spanischer Sonderstil ebenfalls in der gotischen Isabellinik, im Renaissancestil des Plateresco bis hin zum spätbarocken Churrigueresco ein.

Diese „arme Romanik“ verwendete als Materialien ausschließlich Ziegel, Holz und Gips. Dafür gab es sicher auch sozioökonomische Gründe, denn sie konzentrierte sich meist an Orten, wo weit und breit keine Steinbrüche existierten. Daneben waren Mudejare, d.h. Moslems in christlicher Umwelt, als Baumeister, Schreiner und Maurer vor Ort zur Genüge vorhanden, die ihre Arbeitskraft weit billiger anboten als die straff in Bauhütten organisierten Meister der steinernen Romanik.

Die Künstler des Mudéjar müssen nicht notwendig Moslems, sondern können durchaus auch Christen und – beim Synagogenbau – Juden sein, die in den islamischen Bautechniken ausgebildet sind. Wichtig ist, dass sie »der Ästhetik treu bleiben, deren Ausdruck diese Architektur ist«, wie José Jiménez Lozano in seinem „Guía espiritual de Castilla“ anmerkt. Im Grunde erzählt die stumme Romanik weit komplexere und besonders substanziellere, religiöse Geschichten, gerade, weil sie sich von dem Einen, dem Göttlichen kein Bildnis macht. Man muss in dieser weitgehend schmucklosen Geometrie lesen. Sie ist voller Botschaften eines arabisierten Platonismus. Die Maßverhältnisse und vor allem die Zahlensymbolik flossen als Prinzipien von Pythagoras und Plato in die islamische Kunstauffassung ein. Diese hinter der Sichtbarkeit als wesentlich betrachtete Wirklichkeit bedarf keiner figürlichen Darstellung oder beschränkt sich im christlichen Mudéjar auf seine äußerste Reduktion in der Essenz.

Schatten und gedämpftes Licht: das arabische Paradies

Ich bin kein Kunsthistoriker, obwohl ich mich in meiner Tätigkeit als Studienreiseleiter viel mit Kunst beschäftigen musste. Ich fragte mich nach dem Eintritt in ein Gebäude immer als Erstes: Wie fühlt es sich an, welchen Geist atmet es? Bedeutend für dieses Gotteshaus in Sahagún war der frische Schatten und das gedämpfte Licht. Das ist eine gefühlte, spirituelle Kategorie für ein Volk, das wie die Araber durch die Wüste wanderte und stets das Paradies mit Kühle und Palmenschatten assoziierte. In diesem Raum mit seiner aufs Notwendigste beschränkten Lichtzufuhr, seinen weißen Wänden und schlichten, hölzernen Decken ist der Unsichtbare präsent, der das Herz des Gläubigen besucht mittels der Abwesenheit jeglichen Bildes.

Dieses Vakuum konzentriert sich auf einen alabastergedämpften Lichtspalt oder eine indirekte Beleuchtung durch eine Laterne im Dach. Oder es richtet sich figürlich bestenfalls auf Christus, den Weltenrichter, manchmal auch die Jungfrau Maria. Der mudejare Pantokrator ist aber nicht jene distanzierte, byzantinische Herrschergestalt, er ist weit menschlicher, doch deshalb nicht weniger heilig. Und die Tetramorphen ringsum, die vier geheiligten Tiere, atmen nicht mehr den Geist Elohims beim Propheten Hesekiel oder in der Offenbarung des Johannes. Sie sind Symbole, doch bar alles furchteinflößenden Numens und apokalyptischen Terrors, reine Sinnbilder.

Die anwesende Abwesenheit des Unsichtbaren

In vielen mudejaren Kirchen – allerdings nicht hier in San Tirso de Sahagún – öffnet sich das Auge oder Schlüsselloch des Hufeisenbogens mit gewaltiger mystischer Kraft auf die Majestät Christi. Er sitzt auf seinem Thron, eingerahmt von der Mandorla und umgeben von Engeln oder den vier Tieren. Oder es ist ein Auge oder eine Tür, die hinausführt in die Leere, in eine Apsis, einen Mihrab.

Der paradiesische Schatten vermittelt den tieferen Sinn, dass wir uns in einem geheiligten Raum befinden. In ihn gilt es – bei den Moslems physisch, bei den Christen zumindest geistig – unbeschuht einzutreten ohne alles, was nicht Er oder die Suche nach dem Einen ist. Die ausgewogene Komposition all dieser Elemente im Mudéjar unterstreicht die anwesende Abwesenheit des Unsichtbaren.

Darauf umkreiste ich das Gotteshaus von außen. Auch hier alles von puristischer Schlichtheit, zugleich aber einer Kunstfertigkeit der Sprache, wie sie dem Ziegel nicht höher zu entlocken ist. Als Dekor fungieren die versetzten Backsteine, die stetige Licht-Schattenspiele erzeugen: hell-dunkel, Mann-Frau, Yang-Yin, bewusst-unbewusst und was noch alles an Polaritäten zu denken ist.

Keine Zahl ist zufällig hier

Die zweite wichtige Komponente ist die Zahlenkunde: Die Apsis ist von sieben Hufeisenblendbögen umgeben, der Zahl der vollendeten Schöpfung, der sechs Arbeitstage des Schöpfergottes wie des Menschen, und dem Sonntag, an dem jede Tätigkeit ruht, des 7-armigen Leuchters usw. Der Kirchturm, auf dem man sich ebenso gut einen Muezzin vorstellen könnte, hat fünf Öffnungen in alle vier Himmelrichtungen. Die Fünf ist die heilige Zahl des Islam, fünf Gebote erteilte Mohammed seinen Gläubigen, die Fünf ist zugleich die Zahl des Menschen mit einem Kopf und je zwei Armen und Beinen und wird oft als Fünfeck symbolisiert. Umgekehrt versinnbildlicht es den verkehrten Menschen, den vom Himmel gestürzten, gefallenen Engel Satan. Die Turmfenster erheben sich in drei Stockwerken übereinander, die Drei als Vater-Sohn-Hl. Geist, als Körper-Seele-Geist, als zwei Schlangen, die sich um den zentralen Äskulapstab winden, etc.

Den Nachmittag über streifte ich gemächlich durch die restlichen Sehenswürdigkeiten der Stadt: Andere Juwelen des Mudéjar in Sahagún sind die Kirche San Lorenzo, die gerade in Restaurierung war, und die etwas außerhalb gelegene Wallfahrtskirche Nuestra Senora la Peregrina aus dem 13. Jahrhundert. Dort ist Maria als Pilgerin dargestellt, eine wunderschöne Skulptur der berühmten, barocken Sevillaner Bildhauerin Luisa Roldán. In den letzten Jahren wurden hier hinter dem schlichten Kalk auch phantastische, maurische Kacheln und Stuckaturen freigelegt.

Nur die maurische Zaida schenkte Alfons VI. einen Thronfolger

Von der einstigen politischen, religiösen und kulturellen Blüte Sahagúns zeugen heute nur noch geringe Spuren: Die im 10. Jahrhundert gegründete Königliche Benediktinerabtei war bis zur Säkularisierung im 19. Jahrhundert das Zentrum dieses Ordens in Spanien. Heute sind von diesem einstigen Riesenkomplex nur noch die Kapelle San Mancio aus dem 12. Jahrhundert, der Eingangstorbogen aus dem 17. Jahrhundert und der aus der Endphase der Abtei stammende Uhrenturm erhalten. Als Kloster gibt es heute nur noch das Benediktinerinnenstift, das nebenbei auch eine Pilgerherberge betreibt. Im beigeordneten Museum wird das Stiftergrab Alfons VI. und seiner maurischen Frau Zaida gezeigt. Sie war die Tochter des Sevillaner Sultans Almutamid und die Einzige von Alfons VI. drei Frauen, die ihm einen Thronfolger schenkte.

Am späten Nachmittag war ich nach der ausgiebigen Besichtigungstour in die Herberge zurückgekehrt, wo ich bald in die Horizontale überwechselte, um das ständige Hungergefühl etwas durch meine gewohnte Siesta zu übertünchen. Die anderen Pilger kamen nicht entfernt auf die Idee, mich zu ihren üppigen selbstgekochten Menüs einzuladen und ich war zu stolz oder zu verklemmt, darum zu bitten. Das Dumme ist, je mehr man versucht, sich vom Hungergefühl abzulenken, desto konzentrierter ist man darauf und findet deshalb auch nur schwer die Ruhe zu einem entspannenden Schläfchen.

Redaktion allesanderswo.de
Fortsetzung: 54 Tage unterwegs auf den spanischen Jakobswegen Teil 34 – Ein Reisebericht

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Bildnachweise:
Titelbild: Sahagún – Naturapotheke auf mittelalterlichem Markt
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Johannes Spiegel-Schmidt

Johannes Spiegel-Schmidt

Nach einem umfangreichen „Studium generale“ in Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, Mitbegründer der taz Berlin. Koordinator der taz-Auslandsredaktion und langjähriger Korrespondent in Madrid. Umfassende Vertiefung in die iberische Sozial- und Kulturgeschichte. Während der politischen Umbrüche im Ostblock und der Krisenherde im Nahen Osten Freelancer bei den führenden spanischen Medien. Autor mehrerer Reiselesebücher über verschiedene spanische Regionen. Innerhalb der Studienzeit umfangreiche Reisen durch den Orient bis nach Indien, per Autostop durch die Sahara und Westafrika. Zurück in Deutschland als Studiosus-Reiseleiter unterwegs bis in die letzten Winkel Europas. Heute im Unruhestand. Das „Dritte Alter“ wartet tagtäglich mit neuen Überraschungen. Das wirkliche Leben kann jetzt beginnen…
Johannes Spiegel-Schmidt